Zu Gast in China

Autorin: Monika Engel

Ende September 1996 reiste ich mit Prof.Sui QingBo und einer Fachgruppe (Ärzte, Heilpraktiker, Physiotherapeuten und andere Angehörige des Gesundheitswesens) nach China. Von München aus flogen wir der Air China Direkt nach Beijing. Der Anschlußflug nach QingDao am Gelben Meer war problemlos möglich. Am Flughafen erwartete uns ein Bus und brachte uns ins LaoShan-Zentrum.

Zwischen den Bergen ging gerade die Sonne unter,als wir die Gebäude erreichten. Mir wurde ein Zimmer im Gartenhaus zugewiesen. Begleitet vom Rasseln der Zikaden gingen wir wieder in den Garten hinaus, weil im großen Pavillon das Abendessen serviert wurde. Köstlicher Duft kam uns entgegen. Die Tische waren reich gedeckt. Viele Sorten Gemüse, Fisch, Fleisch, Teigbällchen, Obst, scharfe und milde Soßen, Reis, Tee und Bier weckten unseren Appetit. Die Luft war und warm – fast ein bißchen unwirklich. Waren wir doch nach einem ziemlich verregneten Sommer bei trüben und kaltem Wetter abgeflogen. Nun saß ich hier in China bei Kerzenschein mit netten Menschen im Garten und probierte chinesisches Essen.

Am ersten Tag durften wir “ausschlafen”, d.h. wir mußten noch nicht um 6 Uhr auf dem Übungsplatz sein. Die Vormittage waren ausgefüllt mit Vorträgen über chinesische Medizin. Verschiedene Referenten sprachen über ihre jeweiligenFachgebiete:

Ernährungswissenschaft, Pulsdiagnose, Meridian-Lehre, Akupunktur, TCM, historische Überlieferungen und vieles andere mehr.(Foto)

Die Mittagsmahlzeiten waren ebenfalls sehr reichhaltig und abwechslungsreich. Bis 15 Uhr war eine Mittagspause vorgesehen, die die Teilnehmer der Gruppe unterschiedlich nutzten. Einige ruhten sich aus, andere gingen schwimmen oder machten eine kleine Wanderung, hier und da saßen auch einige Gäste zusammen und tauschten Erfahrungen aus. Um 15 Uhr gab es Obst und frischen Tee und dabei wurde Chinesisch geübt. Jing Lan war eine geduldige Lehrerin und bald waren alle in der Lage, einige Redewendungen zu benutzen. Zwei Wochen waren wir Gäste des LaoShan-Zentrums, liebevoll betreut und versorgt von der Familie Sui und 15 Mitarbeitern.

Um TCM ganz authentisch kennenzulernen, besuchten wir auch das 2. Krankenhaus der Medizinischen Hochschule in QingDao. Unser Interesse galt besonders der Abteilung für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM). In einem kleinen Krankenzimmer wurden auf vier Liegen Patienten behandelt. Ein Mann litt unter einem Halswirbelsäulen-Syndrom, hatte heftige Kopfschmerzen und wurde mit. Schröpfköpfen behandelt. Die anderen drei Patienten bekamen Akupunkturbehandlungen. Der Mann,der auf dem Foto zu sehen ist, war nach einem Unfall gelähmt. Er wurde mit verschiedenen Akupunktur-Techniken behandelt. Ein Teil der Nadeln wurde elektrisch stimuliert, einige Nadeln per Hand gedreht. Über dem Lendenbereich wurden die Nadeln zusätzlich mit einer Magnetfeldlampe aktiviert. Im Nebenzimmer wurden TuiNa-AnMo Heilmassagen verabreicht. Zentrum der Abteilung war die traditionelle Apotheke mit mehreren hundert Kräutern. Hier wirkte inmitten der umtriebigen Geschäftigkeit ein Apotheker mit großer Konzentration und Gelassenheit.(Foto)

Zur Traditionellen Chinesischen Medizin gehören nicht nur die Akupunktur und die Kräutermedizin, sondern auch die Ernährung nach den 5 Elementen, aktive und passive Bewegungstherapie, TuiNa-AnMo-Behandlungen, die Schulung der Wahrnehmung. Die Gesundheitsförderung, die Pflege des Lebens, ist in der TCM ein ganz wichtiger Aspekt, erfahren wir bei unseren Schulungen. Prof. Sui bringt und viele Beispiele, wie die “Lebenspflege” auszuschauen hat und im Alltag des Zentrums üben wir vieles schon einmal mit. Wie der Einstieg in den Tag bei vielen Chinesen beginnt, erfahren wir in der zweiten Woche. Morgens um vier Uhr stehen wir auf und treffen uns ziemlich verschlafen am Bus. Langsam fährt der Bus die kurvenreiche Strecke nach QingDao hinab. Der Fluß, die Bäume und Felsen liegen noch halbversteckt im Morgendunst. Nach einer knappen Stunde erreichen wir die Stadt und fahren zur Strandpromenade. Über dem Meer schimmern die roten Schatten der aufgehenden Sonne. Wohin ich auch schaue – überall Menschen! Es ist relativ ruhig für diese Menschenmenge. Mit entspannter Konzentration üben die Chinesen morgens in den Parks und Straßen QiGong und TaiChi. In einer Ecke der Strandpromenade wird aber auch “moderne” Bewegung geübt. Zur Musik aus einem Kofferradio wird eine Art Discotanz aufgeführt. Die meisten Menschen üben aber QiGong. Morgens das Chi, die Lebenskraft/-energie anzuregen und zu lenken, gehört ganz selbstverständlich zum Alltag.
Dieses Selbstverständliche, diese Art der Lebenspflege und Freude auch in unseren westlichen Alltag zu bringen wünschte ich mir in diesen Stunden.

Inzwischen haben wir Frühjahr 1997 und ich darf feststellen, daß dieser Wunsch Realität geworden ist. In unserer Klinik (Park-Reha-Klinikum, Bad Gandersheim) gehört QiGong zum festen Angebot. Die Patienten nehmen diese Stunden gerne an und auch die Bevölkerung des Ortes meldet sich zum QiGong-Unterricht an. Die Idee der “Lebenspflege” setzt sich immer stärker durch und mit der UnterstÜtzung und Hilfe von Prof. Sui können wir sagen, wir sind jetzt “eine Klinik in Bewegung”.

“Der Mensch lebt inmitten von Chi und Chi erfüllt den Menschen. Angefangen bei Himmel und Erde bis zu den 10000 Wesen, alles bedarf des Chi, um zu leben. Wer das Chi zu führen weiß, ernährt im Inneren seinen Körper und wehrt nach außen hin schädigende Einflüsse ab!” (taoistischer Text aus dem 4.Jahrhdt. n. Chr.)

 
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